Wie sicher sind Verhütungs-Apps?

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Ovy, Trackle, oder MyNFP? Immer mehr Apps versprechen sichere und unkomplizierte Verhütung per Smartphone. Wie funktionieren Verhütungs-Apps und für wen sind sie geeignet?

Darüber haben wir mit Autorin Anne Schmuck gesprochen. Sie ist eine der bekanntesten NFP-Beraterinnen in Deutschland und hat mehr als 380 Zyklen von Verhütungs-Apps ausgewertet, um ihre Zuverlässigkeit zu überprüfen. Hier erfahrt ihr, was sie herausgefunden hat.

Wie funktionieren Verhütungs-Apps?

Anne Schmuck: Grundsätzlich lassen sich Apps in zwei große Gruppen einteilen: Einerseits gibt es sogenannte Zyklus-Apps, die im Prinzip den altbekannten Menstruationskalender ersetzen und Frauen einfach eine Möglichkeit bieten, ihre Periode festzuhalten. Diese Apps sind reine Tracking-Tools. Sie dienen also ausschließlich dazu, die Zykluslänge zu beobachten und haben keinerlei Aussagekraft über die individuelle Fruchtbarkeit.

 

Daneben gibt es als zweite Gruppe die NFP-Apps.

Das sind Apps, in denen auch bestimmte Körperzeichen wie Temperatur und Zervixschleim festgehalten werden können. Sie haben zum Ziel, in irgendeiner Form Aussagen über fruchtbare und unfruchtbare Tage zu treffen.

In diese Gruppe fallen sehr unterschiedliche Apps, die sich in ihrer Zuverlässigkeit stark unterscheiden.

Je nachdem, wie der Algorithmus dahinter funktioniert, nach welchem Regelwerk die App auswertet und welche Daten überhaupt in diese Auswertung einbezogen werden, können die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage mehr oder weniger genau bestimmt werden. Unter Umständen können die Apps aber auch vollkommen daneben liegen.

Diese Apps können einen groben Anhaltspunkt liefern oder Frauen in ihrer NFP-Anwendung unterstützen, aber die eigene Methodenkenntnis nicht ersetzen.

Selbst die beste NFP-App kann ihrer Anwenderin nicht abnehmen, die Regeln zu lernen und mitzudenken.

Es gibt Zyklus-Apps, die nicht zur Verhütung geeignet sind und NFP-Apps für Verhütung.

Momentan verschwimmen die Grenzen zwischen beiden App-Gruppen zunehmend miteinander. Es gibt mittlerweile selbst unter den reinen Zyklus-Apps kaum noch eine App, die keine Prognose über den Eisprung anzeigt. Diese Prognosen sind genau das: reine Vermutungen, die auf Durchschnittswerten basieren, die oftmals von der Realität der einzelnen Frauen meilenweit entfernt sind.

Sie sind deshalb nicht zur Verhütung zugelassen und auch keineswegs zu empfehlen!

Mit welchen Infos sollte ich eine NFP-App zur Verhütung füttern?

Anne Schmuck: Zunächst einmal ist wichtig, zwischen der Art der Daten zu unterscheiden, die in Apps abgefragt werden.

Manche Daten haben eine präzise Aussagekraft über die individuelle Fruchtbarkeit, andere – zum Beispiel Hautbild, Libido oder Gewicht – gelten eher als persönliche Zeichen. Sie stehen zwar oft mit dem Zyklus in Verbindung, aber sind nicht genau genug sind, um ausgewertet werden zu können.

Zu den wissenschaftlich evaluierten Körperzeichen zur Bestimmung der fruchtbaren Tage zählen die Aufwachtemperatur und die Veränderungen von Zervixschleim oder Gebärmutterhals. Diese Informationen musst du also in jedem Fall eingeben, wenn du deinen Zyklus verlässlich auswerten möchtest.

Alle anderen Körperzeichen wie Mittelschmerz, Laune, Energielevel oder Brustspannen, die reine Zykluslänge und auch das Ergebnis von LH-Tests sind keine exakten Zeichen. Sie dürfen daher auch nicht in die Auswertung einfließen.

Zweitens gilt: Jede App – selbst eine gute! – kann nur mit den Daten arbeiten, die du als Anwenderin eingibst.

Neben der Qualität der App ist also die wichtigste Voraussetzung, dass du darüber Bescheid weißt, welche Informationen du wie beobachten musst. Dazu gehören die richtige Messung der Basaltemperatur, die korrekte Einordnung des Zervixschleims und Wissen um persönliche Störfaktoren wie Krankheit oder Alkohol, die deine Messung möglicherweise verfälschen können und die du in der Auswertung berücksichtigen musst. All diese Faktoren kann die App nicht einordnen.

Es gilt daher immer: Selbst die beste App ist nur so gut wie du als Anwenderin.

Welche Vorkenntnisse brauche ich, wenn ich mit einer NFP-App beginne?

Anne Schmuck: Weil keine App der Welt so sicher und verlässlich auswerten kann wie eine Frau, die die NFP-Methode und das Regelwerk gut gelernt hat, sind Vorkenntnisse unerlässlich!

Das nötige Grundwissen, um NFP sicher anwenden zu können, liefert entweder das Praxisbuch Natürlich und sicher oder im Idealfall ein Einführungskurs bei einer ausgebildeten NFP-Beraterin – und zwar sogar gerade dann, wenn eine App genutzt wird.

Ich erlebe in meinen Beratungen leider eine erschreckend große Anzahl an von Apps falsch ausgewerteten Zykluskurven.

Einige dieser Fehler basieren tatsächlich auf Fehlern im Algorithmus der App, die allermeisten sind aber von der Anwenderin selbst „verschuldet“. Weil zum Beispiel gestörte Werte nicht ausgeklammert wurden oder das Verständnis über die Zusammenhänge im Körper fehlt.

Meiner Erfahrung nach passieren solche Fehler deutlich seltener bei Frauen, die keine App nutzen. Wahrscheinlich deswegen, weil sich diese Frauen intensiver mit dem Regelwerk beschäftigen und sich besser einarbeiten, wenn ihnen keine App suggeriert, die Auswertung abnehmen zu können.

Wenn du also wirklicher sicher verhüten möchtest, dann lern als erstes die Methode gut kennen.

Nur dann ist NFP auch wirklich sicher – und außerdem macht es viel mehr Spaß, selbst über den eigenen Körper Bescheid zu wissen.

Wenn meine Verhütungs-App mir sagt, ich bin heute unfruchtbar: Kann ich mich zu 100 Prozent auf diese Aussage verlassen?

Anne Schmuck: Nein, auf keinen Fall! Erstens musst du sicher sein können, dass deine eingetragenen Angaben überhaupt richtig sind.

Zweitens arbeitet jede App mit einem anderen Algorithmus und wertet entsprechend nach anderen Regeln aus, die oftmals nicht wissenschaftlich auf ihre Verlässlichkeit geprüft sind.

Und drittens kann es selbst bei der besten App Software-Fehler oder Bugs geben, die dazu führen können, dass die Fruchtbarkeit falsch angezeigt wird.

Apps sind allenfalls eine praktische Unterstützung im Alltag, sollten aber nie die alleinige Auswertung übernehmen!

Das ist ein bisschen so wie mit einer Wetter-App. Wenn die App sagt, es bleibt trocken, du beim Blick aus dem Fenster aber schwarze Regenwolken siehst, packst du besser einen Schirm ein, egal was die App behauptet.

Wie erkenne ich unter all den verschiedenen NFP-Apps, welche App sicher ist?

Leider ist das oft tatsächlich gar nicht so leicht zu erkennen. NFP ist kein geschützter Begriff und bezeichnet im Grunde nur eine bestimmte Art von Methode, aber kein genaues Regelwerk.

Selbst auf Nachfrage geben viele Hersteller nicht preis, wie genau die App überhaupt auswertet, sodass die Zuverlässigkeit für Anwenderinnen leider kaum zu erkennen ist.

Einen Anhaltspunkt gibt es aber doch: Eine gute App darf niemals bereits im Vorfeld einen Eisprung anzeigen. Der Eisprung kann mit keiner Methode der Welt vorhergesagt, sondern immer erst im Nachhinein festgestellt werden. Apps, die bereits am Zyklusanfang prognostizieren, wann der Eisprung stattfinden wird, kannst du daher direkt wieder löschen.

Die sicherste Möglichkeit bleibt es, die Regeln selbst zu lernen und kritisch zu überprüfen, was die App so auswertet.

Darin liegt gleichzeitig auch ein großer Vorteil: Es schafft ein wahnsinnig großes Vertrauen in die eigene Kompetenz und den eigenen Körper, wenn du NFP gelernt hast und deine Zyklen selbst auswerten kannst. Und es macht dich unabhängig von aller Technik, die ja auch gern mal ausfällt oder versagt.

Wie kann ich prüfen, ob eine App meine Daten korrekt auswertet?

Die beste Möglichkeit, NFP sicher anzuwenden, ist, die Zyklen selbst auszuwerten.

Dafür musst du das Regelwerk lernen, entweder in einem Kurs oder im Selbststudium mit dem Praxisbuch.

Bei schwierigen Zyklen oder wenn du dir alleine unsicher bist, helfen dir NFP-Beraterinnen gern weiter!

Anne Schmuck

Anne Schmuck ist zertifizierte Beraterin für Natürliche Familienplanung – kurz NFP – und Zykluswissen, freiberufliche Lektorin für Frauengesundheitsthemen und Co-Autorin des Buches „Kenne deinen Zyklus“.

Seit 2010 arbeitet sie mit Mädchen und Frauen, die ihren Zyklus verstehen und sicher natürlich verhüten lernen möchten. Sie berät außerdem zu Zyklusstörungen, Menstruationsbeschwerden und (unerfülltem) Kinderwunsch. Ziel all ihrer Beratungen und Kurse ist es, Aufklärung und Wissen über den weiblichen Zyklus zu vermitteln und Frauen dabei zu helfen, zur Expertin für ihren eigenen Körper zu werden.

Mehr über ihre Kurse und Beratungen unter www.hormonfrei-verhüten.de und bei Instagram.

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